Handy-Tracking: Müssen wir unsere Freiheit aufgeben, um unsere Gesundheit zu bewahren?

Die Schweizer Behörden wollen Handydaten nutzen, um Informationen über die Bewegungen der Bevölkerung zu erhalten. Welche Daten werden übermittelt? Und kann ich verhindern, getrackt zu werden?

«Es wird geprüft, ob man herausfinden kann, ob Leute sich zu nah kommen», sagte Daniel Koch, Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) anlässlich einer Pressekonferenz. Die Motivation des BAG ist klar: Die Behörde möchte rasch erkennen, wo Menschenansammlungen entstehen und wo das Social Distancing nicht eingehalten wird.

"Wenn wir herausfinden wollen, wo wir bei der Überwachung stehen, liegt eines der Probleme darin, dass niemand von uns genau weiss, wie wir überwacht werden." schreibt Yuval Noah Harari in der NZZ. Da die Behörden tatsächlich in der Regel nicht offen über die Überwachung kommunizieren, möchte ich kurz die Handytechnik erläutern, damit Sie auf dieser Basis abschätzen können, welche Daten vermutlich gesammelt werden. Wer mehr Details wünscht, findet sie beim deutschen Informationszentrum für Mobilfunk.

Jedes Handy, das eingeschaltet ist, meldet sich bei einer sogenannten Zentrale über eine Mobilfunkantenne an, damit der Mobilfunkanbieter weiss, wohin Anrufe und Meldungen für dieses Handy gesandt werden müssen. Mit der Anmeldung an der Zentrale alleine ist noch keine Kommunikation möglich. Sobald eine Meldung das Handy erreichen soll, meldet sich das Handy in einer der Funkzellen der nächsten Mobilfunkantenne an. Eine Funkzelle hat in Innenstädten in der Regel einen Durchmesser ab 50 Meter, auf dem Land können es mehrere Dutzend Kilometer sein. Mit der Anmeldung an der Funkzelle kann der Mobilfunkanbieter Sie also einer Funkzelle und damit einem mehr oder weniger grossen Gebiet zuordnen.

Dies könnte den Schluss nahelegen, dass Sie kaum lokalisierbar sind, solange Sie das Handy nicht nutzen. Leider stimmt das nicht. Mit sogenannten stillen SMS, welche der Mobilfunkanbieter an Ihr Handy sendet, verbindet sich ein Handy ohne Ihr Wissen mit einer Funkzelle und gibt damit Ihre Position bekannt. Stille SMS sind durch den Handybenutzer nicht feststellbar. Sie werden in der Regel sogar von abgeschalteten Handys empfangen. Einziger Schutz dagegen: SIM-Karte entfernen oder Handy in eine Strahlenschutztasche stecken. Ich gehe davon aus, dass die Mobilfunkanbieter in der aktuellen Situation in gewissen kritischen Innenstädten auf Anordnung der Behörde laufend stille SMS an die dort anwesenden Handys senden und so laufend deren Position abrufen. Diese Daten werden anonymisiert an die Behörden übermittelt. Die Behörden werten aus, ob sich in einer bestimmten Funkzelle sehr viele Personen aufhalten. Falls dem so ist, werden sie eine Polizeipatrouille zur Überprüfung in das entsprechende Gebiet senden.

Will eine Behörde, wie in einigen Ländern geschehen, noch genauere und laufend aktualisierte Positionsangaben, so zwingt sie Facebook, Google, Apple und weitere grosse Anbieter zur Herausgabe dieser Informationen oder lässt ein (evtl. unsichtbares) App auf den Handys installieren. Die Behörde erhält damit ein sehr genaues Bewegungsprofil des Handybesitzers, um Personen metergenau zu überwachen. Welche Daten die Behörde damit möglicherweise erhält, ist in einem meiner letzten Blogs beschrieben.

Solange Sie ein Handy auf sich tragen, ist es heute deshalb fast nicht vermeidbar, dass Sie laufend lokalisiert werden. Diesen Umstand nutzt die Behörde aus.

Ich schliesse mich den Worten von Yuval Noah Harari an: "Wir müssen NICHT unsere Freiheit aufgeben, um unsere Gesundheit zu bewahren." schreibt er im oben erwähnten NZZ-Beitrag. "Selbstverständlich sollten wir auch die neuen Technologien einsetzen, aber sie müssen die Bürger ermächtigen. Ich überwache gerne meine Körpertemperatur und meinen Blutdruck, aber meine Daten dürfen nicht dazu dienen, eine allmächtige Regierung zu schaffen."

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