Gratis unbeschränkt viele fixe IP-Adressen? Mit IPv6 möglich, aber …
Jedes Gerät, das über das Internet mit anderen Geräten kommuniziert, benötigt eine IP-Adresse. Mit dem heutigen Internetstandard (IPv4) ist diese Adresse 32 Bit lang, womit etwas über 4 Milliarden Geräte adressiert werden können. Das reicht heute nicht mehr. Abhilfe verschafft der neue Standard IPv6 mit 128 Bit langen Adressen. Im Folgenden erzähle ich von meinen Erfahrungen mit der Umstellung auf IPv6.
Die Erfinder sahen den Erfolg des Internets nicht vorher und gingen davon aus, dass 4 Milliarden Adressen ausreichen würden. Sie hatten die Rechnung nicht mit den Millionen von Kameras, Überwachungs- oder sonstigen Geräten gemacht, die ans Internet angebunden werden.
Um den Mangel an Adressen zu entschärfen, erhält heute nicht jedes Gerät, sondern nur jeder Haushalt eine öffentliche IP-Adresse. Analog zu einer Telefonzentrale übernimmt ein Vermittlungsdienst (NAT) auf dem Router die Weiterleitung zum betroffenen Gerät. Da dieser Vermittlungsdienst nicht unbeschränkt flexibel ist, muss in einigen Fällen trotzdem eine zusätzliche fixe IP-Adresse gekauft werden.
Zudem wurden die freien IP-Adressen weltweit nicht gerecht verteilt. So haben die USA noch einige freie IP-Adressen, in Asien ist hingegen ein grosser Mangel erkennbar.
Als Lösung wurde der Standard IPv6 geschaffen und 2012 eingeführt. Heute läuft ca. 30% des weltweiten Datenverkehrs über IPv6. Mit IPv6 stehen genügend IP-Adressen zur Verfügung, so dass fixe IP-Adressen mit diesem Standard in der Regel nichts kosten.
Ich habe in den vergangenen Jahren mein Netzwerk komplett auf den Parallelbetrieb mit beiden IP-Adressformaten umgestellt. Hier meine Erfahrungen damit:
Zuerst war ich sehr erfreut, weil sich der alte und der neue Standard sehr ähneln. Innerhalb weniger Minuten kann ein Laptop auf IPv6 umgestellt werden.
Meine erste Irritation entstand, als ich feststelle, dass der Laptop drei IPv6-IP-Adressen besitzt und für die Kommunikation mit dem Internet immer wieder zwischen diesen drei IP-Adressen wechselt. Das macht eine gezielte Verbindung für die Übertragung von Dateien mit dem Laptop unmöglich.
Will man den Laptop über genau eine IPv6-Adresse ansprechen, so muss die Art der IP-Adressvergabe im Router gewechselt werden. Diese Variante wird aber nicht von allen Endgeräten beherrscht. So hat das Android-Handy meiner Frau bis heute Mühe damit.
Eine Herausforderung waren auch die Switches: Bei einigen musste ich die IPv6-Funktionalität ausschalten, damit IPv6 funktioniert, bei anderen musste ich sie einschalten. Sogar Produkte des gleichen Herstellers verhielten sich unterschiedlich!
Auch im Bereich der Sicherheit ändert sich viel: IPv6 benutzt teilweise andere Ports. Zudem sind Geräte mit IPv6-Adressen im ganzen Internet weltweit sichtbar, weshalb die Regeln in der Firewall angepasst werden mussten, damit keine Sicherheitslücken entstehen.
Zu guter Letzt hing auch viel vom Internetprovider ab. Erst nachdem ich den Provider gewechselt hatte und ein reines (native) IPv6-Signal erhielt, machte ich Fortschritte.
Mit viel Versuch und Irrtum habe ich mein kleines Netzwerk umgestellt und dabei mehrere Personenmonate Zeit investiert. Dafür habe ich aber von meinem Internetanbieter 2 hoch 80 fixe IP-Adressen gratis erhalten. Ich kann also noch ein paar Geräte anschliessen …
Mein Fazit
IPv6 ist mit dem bisherigen Adressformat IPv4 nicht verträglich, deshalb betreibt man nach einer Umstellung de facto zwei Netzwerke. Das macht jede Fehlersuche doppelt aufwändig. Wer mit der IPv6-Umstellung warten kann, sollte dies also tun.
Eine sofortige Umstellung könnte dort notwendig sein, wo viele Geräte an das Internet angebunden werden müssen oder wenn viele Kunden in Asien erreicht werden sollen. Im letzten Fall sollten der Internetauftritt und das E-Mail so rasch wie möglich auf IPv6 umgestellt werden. Vermeiden Sie, dass Sie diese Umstellung unter Zeitdruck machen müssen, beginnen Sie deshalb frühzeitig damit.
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